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Matthias Loerbroks: (
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Rede auf der Kundgebung »Solidarität mit Israel«
(14.4.2002, Berlin, Hackescher Markt)
(abgedruckt in: TuK 93/94 [1-2/2002], 99-101)
Die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg hat, wie inzwischen
fast alle evangelischen Landeskirchen, erkannt und bekannt, daß
es zum Wesen einer christlichen Kirche gehört, mit Israel solidarisch
zu sein; daß ihr Bekenntnis zu Jesus Christus sie auch mit seinem
Volk verbindet, sie an Israel bindet; daß es darum zwar nicht
ihre einzige, aber ihre Kernaufgabe ist, so zu leben und zu lehren,
dafür zu beten und zu arbeiten, gerade zu stehen und einzutreten,
zu kämpfen, daß Israel leben kann und nicht sterben muß.
Sie hat damit die Jahrhunderte alte verhängnisvolle Irrlehre
verworfen, die christliche Kirche habe Israel als Gottes Volk
ersetzt und abgelöst. Sie hat mit Scham und Entsetzen erkannt,
mit dieser falschen Lehre denen den Weg bereitet zu haben, die
die theologisch-theoretische Rede vom Ende Israels wörtlich nahmen
und umsetzten und diesen Mord Endlösung nannten. Sie ist mit dieser
Erkenntnis und mit diesem Bekenntnis im Wort vor Gott und den
Menschen, bei Israel und den Völkern.
Und nicht nur im Wort. Sie weiß aus der Bibel, daß der Gott Israels
einer ist, der Herzen und Nieren prüft, sich also nicht nur für
den Wortlaut kirchlicher Beschlüsse und Bekenntnisse interessiert,
sondern für Gefühle, für spontane Regungen. Die Kirche wird gegenwärtig
geprüft, ob es ihr ans Herz und an die Nieren geht, daß Israel
an Leib und Seele bedroht ist wie nie zuvor seit der Staatsgründung,
trotz seiner militärischen Überlegenheit. In kaum einem anderen
Land ist das Leben für Juden so lebensgefährlich wie in dem Staat,
der gegründet wurde, um Juden einen sicheren Ort zu bieten. Bedroht
durch Selbstmörder, die in der Tat selbst Mörder sind, Täter,
nicht Opfer, keine Märtyrer. Und sie zielen nicht nur auf Siedler
und Soldaten, sondern auf Juden weil sie Juden sind: Jugendliche
in der Disko, Gäste am Seder-Abend, Restaurantbesucher und Käufer,
Benutzer von Bussen und Straßen. Diese Morde machen blutig deutlich,
daß es nicht nur um die besetzten Gebiete geht, sondern um Haifa,
Netanya und Tel Aviv, nicht nur um Ostjerusalem, sondern auch
um Rechavia, Kiriat Hajuwel, Machane Jehuda. Mir zerreißt es das
Herz, daß immer mehr Israelis offen oder heimlich befürchten,
das Experiment Israel sei zum Scheitern verurteilt, der Staat
Israel könnte eine Episode von ein paar Jahrzehnten bleiben. Und
es geht mir an die Nieren, daß jedenfalls die große Mehrheit der
Israelis und jedenfalls zur Zeit sich zu Mitteln gezwungen sieht,
die auch diejenigen nicht heil lassen, die sie anwenden. Israel
ist bedroht an Leib und Seele. Auch darin werden Christen auf
Herz und Nieren geprüft, ob ihre Solidarität mit Israel an die
Bedingung geknüpft ist, daß es dem traditionellen christlichen
und deutschen Bild von Juden entspricht, nämlich wehrlose Opfer
zu sein; ob Israel also unsere Solidarität sofort einbüßt, wenn
es tätig und zum Täter wird, auch zuschlägt. Eine Solidarität,
die Bedingungen aufstellt, die erst mal zu erfüllen sind, die
nur auf Bewährung gewährt wird, ist keine. Das heißt natürlich
nicht, wie immer wieder interessiert mißverstanden wird, man dürfe
Israels Regierung und ihre Politik nicht kritisieren. Selbstverständlich
kann man das, und es geschieht ja auch ständig, in Israel und
anderswo, bei Juden und Nichtjuden. Sätze, die mit »Es muß erlaubt
sein« beginnen, sind verlogen, weil sie so tun, als wäre da was
verboten; weil sie voraussetzen, was immer schon antisemitisches
Hirngespinst war, daß die Welt oder jedenfalls die Weltöffentlichkeit
von Juden beherrscht ist; weil sie suggerieren, es gehöre ungeheurer
Mut dazu, etwas zu sagen, was in Wirklichkeit gar nichts kostet.
Solche Sätze zeigen nur, wie dringlich offenbar und wie tief das
Bedürfnis ist, Israel zu kritisieren.
Kein Antisemit ist nicht, wer meint, keiner zu sein, sondern
wer an Israel keine anderen Maßstäbe anlegt, als an andere Staaten.
So hat es Helmut Gollwitzer schon in den 70er Jahren gesagt. Und
es ist in der Tat auffällig, wie viel interessanter es ist, nicht
erst seit gestern und nicht nur in Deutschland, was Israel den
Palästinensern antut, als das, was Jordanien, Syrien, andere arabische
Staaten ihnen taten und tun. Harald Martenstein hat im Tagesspiegel
solche strengeren Maßstäbe an Israel damit verteidigt, daß Israel
eine Demokratie ist, sich auf Menschenrechte verpflichtet hat.
In der Tat ist Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten, auch
das einzige Land, in dem es eine Friedensbewegung, Gruppen wie
Bezelem, eine unabhängige Justiz gibt, und auch weltweit eins
der wenigen Länder, in denen es nicht nur erlaubt, sondern geboten
ist, Befehle zu verweigern, die unrecht sind. Aber es wäre Rassismus,
von arabischen Staaten so etwas erst gar nicht zu erwarten, sondern
nur Barbarei.
Doch die feinsinnigen Unterscheidungen zwischen Israelkritik
und Antisemitismus werden immer mehr gegenstandslos. Das zeigen
die Anschläge auf Synagogen und Friedhöfe in vielen Ländern. Das
zeigen die ständigen Vergleiche zwischen der Politik Israels und
den Taten der Nationalsozialisten. Da ist von Vernichtungskrieg
die Rede, von Völkermord, gestern ausgerechnet hier in Berlin
sogar vom Holocaust am palästinensischen Volk. Solche Vergleiche,
denen Zweck und Absicht grell auf der Stirn geschrieben steht,
waren vor zwanzig Jahren noch das zweifelhafte Privileg der deutschen
Linken, sind inzwischen auch von Konservativen, auch in christlichen
Kreisen zu hören, was zeigt, daß da einige sich wirklich für ein
paar Jahre nur mühsam verkniffen haben, das zu sagen, was sie
immer schon dachten.
Und schließlich die merkwürdige Tatsache, daß auch Menschen und
Medien, die sonst nicht besonders bibelfest sind, im Zusammenhang
mit Israel ständig und geradezu zwanghaft Worte wie »alttestamentarisch«
oder »Rache« oder »Vergeltung« einfallen oder das stets und vor
allem von Christen mißverstandene Bibelwort »Auge um Auge, Zahn
um Zahn«. Da wird die kritisierte Politik des Staates Israel geradezu
mit dem Wesen des Judentums gleichgesetzt. Und das zeigt: jene
christlich antijüdische Irrlehre ist auch dann noch wirksam, wenn
das Christentum gesellschaftlich kaum noch eine Rolle spielt.
Es ist beklemmend, wenn manchmal auch Juden in diesem Land sich
fast beflissen von Israel distanzieren und behaupten, es sei Scharons
Politik, die neuen Antisemitismus schafft, und als könnten sie
dem durch solche Distanzierungen entgehen. Aber 1. gibt es keinen
neuen Antisemitismus und 2. hat Antisemitismus mit dem, was Juden
in Israel oder sonst wo tun oder nicht tun, wenig zu tun.
»Wünscht Jerusalem Frieden! Befriedet seien, die dich lieben!
Friede sei in deinen Mauern, befriedet deine Paläste! Um meiner
Brüder und um meiner Genossen willen will ich Frieden herbeireden
für dich« (Psalm 122,6-8).
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