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Friedrich-Wilhelm Marquardt (
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Zur Liturgie des Kantate-Gottesdienstes
(abgedruckt in: TuK 93/94 [1-2/2002], 9-15)
Wir beginnen unseren Gottesdienst - unter den auf Halbmast gesetzten
Fahnen unserer öffentlichen Gebäude.
Quer zu den immer schärfer werdenden Spannungen des Jugendlebens
in unserer Gesellschaft,
quer auch zu den Gefährdungen und Ratlosigkeiten des für
die Menschwerdung der Menschen so unentbehrlichen Berufes der
Lehrerinnen und Lehrer,
müssen der Name Gottes und sein Wort heute ihren Platz suchen
und sich auch in unserer Mitte zu, behaupten versuchen.
Darum beginnen wir unseren Gottesdienst erst recht bewußt im
Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Heute ist der Sonntag Kantate, der vierte im Osterkreislauf des
Kirchenjahres, in dem wir uns des neuen Lebens freuen. Zum Singen
und Musizieren hat uns das Eingangswort dieses Sonntags aus Ps
98 eingeladen, denn dabei können wir uns im Atmen eines anderen,
des neuen Lebens sinnlich üben. Kein Singen ohne Hinhören, auf
die Nachbarn. Darum soll dieser Gottesdienst mit unseren Stimmen
auch unser Gehör üben. Unsere Kantorei, unsere Gäste, die Vor-Sängerin
und -Sänger und die Streicher, die alle zusammen schon am Anfang
ein Dankeschön wert sind, begleiten unsere Fahrt durch den Gottesdienst
mit dem Meßtext und der Meßmusik eines Katholiken, des jungen,
gerade 18jährigen Franz Schubert: eine wunderschöne Wiener Musik,
die auch in unserem evangelischen Gottesdienst ihren Platz haben
kann. Dabei werden wir merken, daß die Freudenfahrt der evangelischen
Liturgie bis zum heutigen Tag eng mit der römisch-katholischen
verbunden ist. Und damit wir uns der alten Gemeinschaft recht
freuen können, können, wollen wir Schuberts G-Dur-Messe in den
üblichen Lauf unseres Gottesdienstes einfügen und mit unseren
entsprechenden evangelischen Gemeindeliedern beantworten. Ich
hoffe, daß Ihr alle von Herzen frei dabei mittun könnt.
Damit wir aber von diesem Unternehmen nicht nur einen Genuß,
sondern auch ein Bewußtsein mitnehmen, möchte ich zwischendurch
aufmerksam machen auf Wurzeln unserer katholischen und evangelischen
Liturgien im Mutterboden des jüdischen Gottesdienstes; sodann
darauf, daß der junge Franz Schubert bei aller Schönheit seiner
Kirchenmusik ein sehr kritischer Sohn seiner Kirche war und sehr
eigene theologische Überzeugungen in seine Meßmusiken eingearbeitet
hat, so daß sie, außer in seinem Heimatland Österreich sonst in
katholischen Gottesdiensten lange nicht verwendet werden durften
und ins Konzerthaus verbannt waren. Sein älterer Bruder Ferdinand
hat nach dem Tod des Komponisten versucht, auch unsere Messe durch
Textveränderungen dogmatisch richtigzustellen und kirchlich brauchbar
zu machen. Aber wir lassen es heute beim unbereinigten Franz Schubert
- voll Sympathie mit einem jungen katholischen »Protestanten«.
Also jüdisch-katholisch-evangelisches Singen heute. Wir sollen
ja, lehrt uns Paulus (Röm 15,6), »einmütig und wie mit einem Munde
Gott loben«
[Kyrie]
Nicht die Messe im Gottesdienst, aber die Meßmusik beginnt immer
mit dem Kyrie eleison. In den Jesus-Geschichten ist das ein Hilferuf
von Notleidenden - z.B. von zwei Blinden (Mt 9,27), die Jesus
hinterherliefen und schrien: »Ach du ... erbarm dich unser«; oder
die palästinensische, kanaanäische Mutter einer geistig verstörten
Tochter: »Ach Herr, du ... erbarme dich mein«; oder der Vater
eines schwer leidenden Jungen, der - wie es heißt - oft ins Feuer
und oft ins Wasser fiel: »Herr, erbarme dich ... meines Sohnes!«
Wenn die Kirchen ihre Gottesdienste mit dem Kyrie-eleis beginnen,
stellen sie uns von vornherein in die Gemeinschaft von Notleidenden,
Kranken, geistig Gestörten, am Leib, aber auch an Seele und Geist
Ratlosen und Hilfsbedürftigen. »Nicht die Gesunden bedürfen des
Arztes, sondern die Kranken.« Das Kyrie im Gottesdienst ist ein
großes Solidaritätssingen. Wir schämen uns keines Gebrechens.
Zwar können wir Krankheiten anderer nicht auf uns nehmen, wie
Jesus das getan hat. Aber jede, die mit Kranken und für Kranke
lebt, jeder junge Zivildienstleistende bei Gebrechlichen lernt
sich in dieser Gemeinschaft selbst kennen und bekommt einen Sinn
für seine eigenen Mängel und das, was ihm fehlt, was ihn quält.
Das Kyrie eleison erlaubt uns ein Ja zu unseren eigenen Schwächen
und zu allen Schwachen, für die Christen da sind.
[Gloria]
Unser Lied: »Allein Gott in der Höh' sei Ehr« ist das
evangelische Zubehör zu dem katholischen Gloria: Das »Ehre sei
Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«
von der Christnacht auf dem Hirtenfeld in Bethlehem - Gottes Wort
für die Outsider draußen, außerhalb der Gesellschaft, seine Antwort
auf die hilfsbedürftigen Kyrie-eleison-Menschen.
Und nun zum katholischen Gloria. Viel Streit hat es um
die Worte gegeben: »Und den Menschen ein Wohlgefallen«. Katholiken
haben es früher so aufgefaßt: Gott hat Wohlgefallen an den Menschen,
die ihm einen guten Willen entgegenbringen, an »Gutmenschen«,
frommen, religiösen Leuten. Da haben die Evangelischen heftig
und mit Recht gegen protestiert: Gott ist doch nicht nur für die
Frommen da. Er hat »die Welt geliebt«, läßt »seine Sonne aufgehen
über Gute und Böse, Gerechte und Ungerechte«. Diesen Kirchenstreit
haben wir nun, Gott sei Dank, hinter uns. Gott hat die Menschen
lieb, nicht bloß die Christen.
Schon in der ganz frühen Kirche haben die Christen die Engel
von Bethlehem nicht alleine in ihrer Höhe singen lassen wollen,
haben von der Erde her einstimmen wollen in ihren Chor. Dazu benutzten
sie die wichtigsten Zeilen aus dem Kaddisch-Gebet des jüdischen
Gottesdienstes: »Gepriesen sei und gerühmt und erhoben und erhöht
und gefeiert und hocherhoben und (noch einmal) gepriesen sei der
Name des Heiligen«; ins Lateinische hinübergedacht ist das das
»Gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam, quoniam tu solus
sanctus, solus altissimus«; und in unserem Gottesdienst singen
wir dem Kaddisch entsprechend: »Wir loben, preisen, anbeten dich,
für deine Ehr wir danken« (EG 179,2). Und wie im jüdischen Gottesdienst
der eine Name Gottes in seinen vielen Ehrennamen gelobt wird,
die alle die vielfältigen Wirkungen seiner Menschenfreundlichkeit
ausdrücken, so wird er auch im Gloria der katholischen Messe unter
seinen vielfältigen Namen angesungen: Dominus Deus (Herr-Gott).
Rex coelestis (Himmelskönig). Deus pater omnipotens (Gott-Vater-mächtig).
Und so weiter. In unserem evangelischen Deutsch begnügen wir uns
mit Gottes drei Grund- und Hauptnamen: Vater - Sohn - Geist.
Bei Schubert müssen wir hier zum erstenmal aufmerken. Wenn er
Gott unter dem Namen des »Sohnes« besingt, dann läßt er aus dem
kirchlichen Text der Messe eine für die Lehre wichtige Zeile aus:
»der du sitzest zur Rechten Gottes«. Er sagt: »Tu solus sanctus
- du, Gott, alleine bist heilig« und niemand neben dir. Keine
große Göttlichkeit Jesu. Ihm genügt, wenn er »Sohn« ist, und uns
genügt, wenn er uns Agnus Dei ist, Lamm Gottes.
[Credo]
Das Glaubensbekenntnis der Kirche ist immer eine Antwort auf
das Evangelium, heute die Antwort der singenden Gemeinde auf den
Lobpreis, mit dem Jesus seinen Vater im Himmel preist (Mt 11,25-30).
Viele von uns haben mit dem Glaubensbekenntnis Schwierigkeiten.
Aber das ging den Menschen schon immer so, nicht erst uns heute.
Datum hat es zu allen Zeiten immer neue Versuche gegeben, in Worten
auszudrücken, was Christen zu ihrer Zeit glauben, und darum hat
die Kirche selbst den Gemeinden auch viele verschiedene Versionen
des Glaubensbekenntnisses angeboten. Wir gebrauchen meistens das
sog. Apostolische Bekenntnis, das schon bald im 2. Jahrhundert
aus einem Ortsbekenntnis der Christen in der Stadt Rom entstanden
ist. In der römischen Messe und auch bei Schubert wird ein geistig
viel schwereres Credo gebraucht, das sog. »Nicaenische« Glaubensbekenntnis,
dessen deutscher Text auch in unserem Gesangbuch (Nr. 805) zu
finden ist. Auch hier gibt Schubert persönlichen Schwierigkeiten
mit dem Glauben der Kirche Ausdruck. Er will, daß dieser ganze
Satz recht leise, jedenfalls überhaupt nicht auftrumpfend gesungen
wird. Wir sollen beim Glauben den Mund nicht zu voll nehmen. -
Sodann sollen die Baß-Instrumente - Cello, Kontrabaß und Orgel
- »sempre staccato« spielen, Ton für Ton kurz und »abgestoßen«;
dadurch soll mit musikalischen Mitteln unterhalb der Glaubenszuversicht
des Chores ein Wandern, Schritt für Schritt, vernehmbar werden.
Schubert will uns hören lassen: Der christliche Glaube ist kein
fester Standpunkt, sondern ein Weg und offener Prozeß - wie ja
Schuberts Musik überall eine einzige »Wandererfantasie« ist, im
Letzten eine traurige »Winterreise«. Und dem Glauben der Christen
soll's nicht besser gehen. Habt Ihr's nicht auch im Ohr: »Ein
Tag, der sagt's dem andern, mein Leben sei ein Wandern
zur großen Ewigkeit«? (EG 481,5.)
Beim Christus-Bekenntnis protestiert der junge Schubert auch hier.
Der Kaiser Konstantin hatte auf dem Konzil von Nicaea im Jahre
325 in seiner Staatsmacht bei den Synodalen den Bekenntnissatz
durchgesetzt, daß Jesus nicht nur wahrer Gott sei, sondern sogar
»consubstantialem Patri«, nicht nur Gott ähnlich, sondern Gott
in der Wesensart völlig gleich. Schubert protestierte noch nach
so vielen hundert Jahren gegen diese politische Herrschaftstheologie
und versetzte diese Worte von der Wesensgleichheit in die beiden
männlichen Unterstimmen, wo man sie nicht so betont hören kann,
während er die Frauen oben singen ließ: »genitum«, Jesus ist wie
ein wahrer Mensch geboren; sicher kommt er von Gott her, aber
ist nicht Gott gleich. Schubert genügt Gott - »tu solus sanctus«
- und Jesus, der von Gott kommt. Aber ein Gott gleicher
Mensch - das könnte dem Kaiser und den Mächtigen allen so gefallen;
wenn auch nur ein Mensch ein Gott sein soll, werden Schleusen
geöffnet auch für andere, die sich wie Gott aufspielen wollen.
So rebelliert er in den Christus-Zeilen des kirchlichen Glaubensbekenntnisses
gegen einen politischen Mißbrauch der Religion. Und um hier ja
keinen Zweifel entstehen zu lassen, läßt er auch das »Credo et
unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam« überhaupt ganz
aus (Ich glaube eine heilige katholische und apostolische Kirche),
übergeht also die Kirche mit Stillschweigen - übrigens in allen
sechs Messen, die wir von Schubert haben. Das Ungesungene gehört
auch zur Musik. Gott will er feiern. Und den Menschen.
Aber nicht die Kirche.
Auch wir, Dahlemer Gemeinde, sind so frei, uns unsere eigenen
Gedanken über den christlichen Glauben zu machen. Das Glaubenslied
unseres unvergessenen Pfarrers, Gerhard Bauer, ist uns schon lange
zu einem inneren Besitz geworden, und wir singen es jetzt.
[Predigt]
[Sanctus]
Und nun das Dreimal-Heilig . Ihr erinnert euch : Die Berufung
des Propheten Jesaja im Jahre 740 v.Chr.; da sah er - wie Johannes
auf Patmos »sah« - bis zu Gott in die Höhe hinauf und sah die
Seraphim und hörte sie ein Dreimal-Heilig singen (Jes 6,3). Seit
frühen Zeiten hat die jüdische Gemeinde ihr großes 18-BittenGebet,
dem Jesus die Bitten seines Vaterunser-Gebets entnommen hat, mit
der Keduscha unterbrochen und ist eingefallen in den himmlischen
Gesang der Seraphim. Unteres und oberes Singen vereinigten sich
da. Und vom jüdischen Gottesdienst hat es unser christlicher übernommen.
Bei Katholiken und Protestanten hat das Sanctus-Singen seinen
Platz im Abendmahls-Teil gefunden. Darum haben sie dem Dreimal-Heilig
noch einen Begrüßungsjubel angefügt: das »Osanna in Excelsis Deo«.
Das hatten die Volksmassen von Jerusalem beim Einzug Jesu in ihre
Stadt ihm zugesungen (Mk 11,1-11). Und mit diesen Worten begrüßen
die Christen den, der unter Brot und Wein nun auch bei ihnen einzieht.
- Im Alten Testament ertönt der Hosianna-Ruf (hoschi ana
= Herr hilf, Herr, laß wohl gelingen«) am Laubhüttenfest. Die
Priester singen es, wenn sie dreimal um den Altar des Tempels
in Jerusalem herumwandern. Da rufen sie, daß das, was jetzt auf
dem Altar passieren soll, eine Hilfe Gottes sei - und nicht bloß
ein äußerlicher Ritus (z.B. Ps 118,25f.).
[Benedictus]
Weil wir heute kein Abendmahl feiern, hören wir gleich nach Schuberts
Sanctus einen zweiten Begrüßungsgesang, jetzt nicht für den Ewigen
beim Altar, sondern jetzt für die vielen Gäste und Fremdlinge
in Jerusalem und im christlichen Gottesdienst: das Benedictus.
Bei Festtagen begrüßten die Einwohner der Stadt Jerusalem die
Wallfahrer von überall her mit den Worten: »Gelobt sei, der da
kommt im Namen des Herrn« - ein Empfangsschalom, wie wir Westberliner
den Ostberlinern in dem glücklichen Augenblick einen bereiteten,
als 1989 endlich das Tor unserer Stadtmauer geöffnet wurde. Nach
einer jüdischen Melodieform singen wir nun diese beiden Teile,
das Sanctus und das Benedictus, in dem einen Lied unseres Gesangbuchs,
EG 185,1.
Da auch wir nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger
unter den Heiligen und Hausgenossen Gottes sind, laßt uns jetzt
die Jesus-Form des jüdischen 18-Bitten-Gebets beten: Vater unser
...
[Agnus Dei]
Jede Messe schließt mit dem Agnus Dei: »Christe,
du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd' der Welt ... Gib uns deinen
Frieden - Dona nobis pacem«. Das Lamm ist Jesus im Bild des Pessach-Lammes,
mit dessen Blut das Volk Israel in Ägypten seine Flüchtlingsunterkünfte
bestrichen hat, um den Todesengel abzuwehren und dann im Frieden
in seine Freiheit ziehen zu können. Wir Evangelischen schließen
uns in diese Bitte ein mit unserer, mit Martin Luthers Art des
Agnus Dei (EG 190,2):«Christe du Lamm Gottes. Gib uns deinen Frieden«.
Und ehe wir es dann noch einmal voll Andacht und Glück in Schuberts
Meßton aussingen und ausklingen hören, bitten wir um Gottes Segen
für unsere Wege.
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