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Friedrich-Wilhelm Marquardt
Predigt über Offenbarung 15,2-4*
(abgedruckt in: TuK 93/94 [1-2/2002], 4-9) (
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- 2 Und ich sah,
und es war wie ein gläsernes Meer,
mit Feuerschein untermischt;
und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild
und über die Zahl seines Namens,
die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen
3 und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das
Lied des Lammes:
Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker.
4 Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht
preisen?
Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und
anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar
geworden.
Der alte Seher von Patmos, Johannes: Nun sieht er wieder. Und
läßt uns mitsehen, was er sieht. Er sieht »so etwas« wie ein »gläsernes
Meer«, »mit Feuerschein untermischt«. Sonst können sich ja Dinge,
die nicht zusammenpassen, beißen wie Feuer und Wasser. Aber hier
sieht er, wie sie sich mischen, gegen alle Naturerfahrung, uns
rätselhaft. Was könnte denn das schon sein, so etwas wie ein »gläsernes
Meer«? Und dies dann noch mit Feuerschein »untermischt«? Vielleicht
ein Spiegelbild? Aber wovon?
Wenn der ein bißchen erfahrene Bibelleser das Wort »Meer« hört,
kann er gar nicht anders: Ihm oder ihr fällt das Schilfmeer ein,
am oberen Nil, dessen Wellen und Fluten einst gebannt wurden,
so daß das Volk Israel dem Sklavenhause Ägypten entkommen konnte
in die Freiheit. Und wenn wir das Wort »Feuer« hören, dann steigt
vor unserem inneren Auge unwillkürlich die Feuersäule auf, durch
die Gott seinem jüdischen Volk voranleuchtete auf seinen dunklen
und schmerzlichen Wüstenwegen in die ersehnte Freiheit des Israel-Landes.
Genau das ist wohl auch im Seher Johannes aufgeblitzt. Denn vom
Meer her, das er sah, und vom Feuerschein her, den er sah, hörte
er nun auch das seit alters bekannte Befreiungslied des Mose singen:
»Singt dem Herrn, denn hoch erhob er sich, Roß und Reiter hat
er ins Meer gestürzt«; soweit wir erkennen können, sind das die
allerältesten Worte der Bibel, zur Zeit des Geschehens - etwa
1200 vor Christus - zuerst gesungen von Mirjam, die den Takt dazu
mit der Handpauke schlug. Ihr Bruder Mose ist dann später mit
eigenen Worten in dieses Sieges- und Befreiungslied eingefallen;
beides haben wir im 2. Buch Mose, Kap. 15, zusammen. - 1250 Jahre
später hörte dann der Seher von Patmos das Lied mit der Stimme
und mit den Worten des Mose. Das kann uns gewiß machen, daß er
im »gläsernen Meer« das Schilfmeer sah und im »Feuerschein« die
Fackel auf Israels Weg in die Freiheit. Nur: Jetzt ist das unüberwindlich
drohende, menschenverschlingende Meer von damals kristallklar,
durchsichtig-gläsern geworden, nach über tausend Jahren hat die
Panik von einst ihre Schrecken verloren, und schon im gläsern
gewordenen Meer kann man den Vor-Schein der Freiheit leuchten
sehen. So wie uns jetzt - mehr als ein halbes Jahrhundert nach
dem Januar 1945 die Schrecken der Flucht über das ostpreußische
Frische Haff und das Entsetzen des Untergangs des Rettungsschiffs
der »Wilhelm Gustloff« in der eiskalten Ostsee noch einmal in
die Glieder fahren, wenn uns jetzt Günter Graß und andere noch
einmal diese grauenvolle Geschichte vom Meer erzählen, das Fernsehen
Dokumente von damals zeigt. Aber noch ist es zu kurze Zeit her,
als daß wir uns dieser Geschichte schon als eines Sieges der Befreiung
freuen könnten; auch die wenigen, die damals gerettet wurden und
mit ihrem Leben davonkamen, können es noch nicht. Die Angstträume
der Erinnerung beklemmen uns noch und formen noch kein Lied.
Denn zu tief haben wir ja noch das »Bild« Hitlers in uns, der
das alles verursacht hat, und seinen »Namen«, an den wir unseren
deutschen Namen verschenkt hatten; und auch seine »Zahlen« stehen
noch in unserem Gedächtnis: die 6 Millionen an der Spitze, und
noch Millionen andere dazu. »Bild«, »Zahl« und »Name«. Auch uns
sind die schon zu hartem Kristall geworden, unzerbrechliche Kristallnacht
unseres Gedächtnisses. Da geht es uns mit unserer Geschichte,
wie es damals wohl auch dem Seher von Patmos gegangen ist. Auch
er hatte einen Unterdrücker seiner Generation: Gajus Caligula,
was auf deutsch »Soldatenstiefel« heißt, also »Knobelbecher« -
ein Terrorist auf dem Kaiserthron in Rom. Seine Losung: »Mögen
sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten« - Oderint dum metuant.
Um nicht entdeckt zu werden, sprachen die unterdrückten Leute
im Untergrund seinen Namen nicht aus, sie nannten nur die Zahlen
6-6-6, nach altem hebräischen Geheimcode - der Name des Tyrannen,
statt in Buchstaben in Zahlen ausgedrückt, Jede Generation hat
ihren Verbrecher an der Spitze: unsere den Hitler und den Stalin,
Johannes von Patmos zu seiner Zeit den »Soldatenstiefel« Caligula.
Und viel früher Mirjam und ihr Bruder Mose den Pharao über dem
Sklavenhaus Ägypten. Weltgeschichte wiederholt sich doch - unter
immer anderen »Namen«, anderen »Zahlen«, anderen »Bildern« und
Bestialitäten, Unmenschlichkeiten. Immer wieder das alte Lied!
Aber nun das Geschenk Israels und der Bibel an die Menschheit:
Ganz leise, unter all den Miß- und Schreckenstönen alter Lieder,
wie z.B. Beethoven sie am Anfang des letzten Satzes seiner 9.
Sinfonie nachgeahmt hat, ein Haltruf: »O Freunde, nicht diese
Töne!, sondern laßt uns angenehmere anstimmen und freudenvollere«.
Und leise, und ja wirklich nur zaghaft, klingen Anfänge eines
neuen Liedes an.
Dazu braucht's Vorsänger. Aus uns kommt doch, wenn wir singen,
am Ende auch nur ein altes Lied heraus. Aber damals, am Schilfmeer,
hat es eine Mirjam gegeben, und ein Mose ist in ihr Lied eingefallen,
in einigem Abstand ihr folgend wie in einer Fuge der »comes«,
Begleiter, dem »dux«, dem Singführer. Beim Schubert können wir
es nachher auch so hören, beim »Osanna in excelsis« und dann wieder
im Benedictus-Satz - Mirjam und Moses von heute. Aber nun bilden
die Vorsänger, die Solisten, noch nicht das Ganze, wenn nicht
ein Chor einfällt. Johannes auf Patmos hat das ganze jüdische
Volk das Lied des Mose singen hören, und nicht nur singen, sondern
mit Instrumenten begleitet, »mit Harfen schön«. Ein Volkschor,
und er nennt sie, die hier singen, die »Sieger«. Zum Glück nicht
Sieger mit Pauken und Trompeten. Es ist an Schuberts G-Dur-Messe
so schön, daß auch er hier ohne Pauken und Trompeten und Hörner
musizieren läßt. Diese Messe hat etwas Leises und Zartes, und
Schubert wußte vielleicht, daß mit dem Gott der Juden und Christen
kein »Allmächtiger« beschworen werden kann, sondern nur ein stiller
Freund. Wer dem anhängt, kann keinen Siegertypen mimen, ist nur
ein mit Mühe vor immer neuem Abrutschen geretteter Mensch. Kirchenmusik
mit allzu lautem Donnergetöse und Allmächtigkeitspose paßt nicht,
mag vielleicht auf Jupiter getönt sein, aber nicht auf den Gott
des neuen Liedes: dieses Gottes; mag man ihm in der Philharmonie
frönen oder am Gendarmenmarkt, aber nicht in der Kirche.
Gewiß - in der Patmos-Nacht sah Johannes die singenden Sieger
erhoben über »das Tier«, den Unmenschen, über sein »Bild«: der
überall und zu allen Zeiten verbreiteten Staats-Propaganda, in
der Antike in den Tausenden von Herrscher-Statuen über das ganze
Imperium verbreitet, heute bei uns im Übermaß der Fernseh-Ver-Bildungen,
die uns dumm und zahm machen. Und über den »Zahlen seines Namens«
sah Johannes sie auch singen: über der Herrschaft des Geldes und
der Börsen, der Insolvenzen, der Erfolgs- und Mißerfolgsstatistiken,
der Bankskandale, der Arbeitslosenberechnungen und Wachstumsprognosen,
dem allgemeinen Wahn von pessimistischen oder optimistischen Zukunftsdeutungen
- keine Nachrichtensendung, in der nicht mehr von dem geredet
würde, was uns erst morgen ins Haus stehen wird, als von dem,
was heute ist. Johannes sieht das singende und musizierende Volk
auch darüber stehen. Und meint damit nicht: Flucht in die Musik,
Flucht ins Lied, Flucht in die Kunst. Sondern er meint damit einen
Aufschwung in eine andere, realere Realität als die des Tieres
und seiner öffentlichen Bild-Propaganda und der fantastischen
Zahlenspiele seines Namens; wir können sagen: dieses Systems und
seiner Logik. Er hat in dieser Nacht eine ganz andere Globalisierung
vor Augen: eine andere Weltordnung als die von »Tier« und Unmenschlichkeit,
von »Bild« und »Zahl«.
In jener Patmos-Nacht hat der Seher nämlich aus dem großen Singen
der Mirjam und des Mose und des Volkes der geretteten Sieger eine
weitere, allerleiseste Stimme herausgehört, unter dem Lied des
Mose auch noch »das Lied des Lammes«. Zwei Lieder bei- und ineinander,
als wär's, musikalisch gesehen, eine Doppelfuge. Das »Lied des
Lammes«, das ist natürlich Jesu Lied, und wir erleben hier, wie
Mose und Jesus ein und dasselbe Befreiungslied zusammen singen,
also Altes und Neues Testament und Juden und Christen in einer
Tonart zusammenklingen. Unser Kirchenlehrer Martin Luther hat
das nicht wahrhaben wollen; er riet uns Evangelischen: Laßt uns
unverworren mit Mose, der geht nur die Juden etwas an, nicht uns
Christen. Nicht unsere Väter sind aus Ägypten ausgezogen. Da hat
er aber die Musik unseres heutigen Predigttextes nicht gehört
und konnte es auch nicht, weil er das letzte Buch der Bibel nicht
leiden konnte und am liebsten aus der Bibel entfernt hätte; es
klang ihm zu fantastisch und zu sehr »der Zukunft zugewandt«.
Zum Glück hatte er keine Macht über die Heilige Schrift, und darum
können wir um so ergriffener hören, was er nicht hören wollte:
das Lied des Mose und das Lied Jesu - auf den gleichen Befreiungstext
vom Schilfmeer.
Der Name »Jesus« wird hier nicht ausgesprochen. Er muß in der
Welt des Soldatenstiefels ein Geheimtip bleiben. Aber man gab
auch ihm, wie dem Tyrannen, einen Tiernamen - Agnus Dei, Lamm
Gottes - und setzte ihn damit ganz bewußt gegen das große »Tier«
der Unmenschlichkeit und der »Bilder« und der »Zahlen« in Rom.
Lamm gegen Bestie. Und bei »Lamm« dachten sie natürlich sofort
ebenfalls an die Ägyptengeschichte Israels, an das Passa-Lamm,
dessen Blut die Juden an die Pfosten ihrer Flüchtlingslager in
Ägypten strichen; da schreckte der Todesengel vor ihnen zurück.
Wenn Jesus »Lamm Gottes« heißt, dann bezeichnet dieser Name Jesus
den Schutzjuden, der den Todesengel auch von unseren Wohnungen
und Seelen verscheucht.
Und so nun klingen das Lied des Mose und das Lied Jesu zusammen:
Mose befreit das jüdische Volk aus ägyptischer Unterdrückung,
Jesus befreit die Menschheit von den Todesschatten dunkler Engel
und Wesen. Jesus hört in der Nacht von Patmos auf das frühere
Lied des Mose und singt so sein, unser aller neues Lied.
Neu nämlich: für uns. Denn nun sind auch wir am Schilfmeer dabei,
bei Mirjam und Mose. Und im Ägäischen Meer, auf der Insel Patmos,
dort, wo Johannes das große Duett Mose-Jesus singen hört.
Was aber besingen sie? Zuerst die »Werke«, dann die »Wege« Gottes;
in alledem aber ihn selbst, den Gott Israels, den melekh ha-'olam,
der sich jetzt auch als ein »König der Völker« durchsetzt, weil
nun alle Völker zu ihm hin aufbrechen, nach Jerusalem, um dort
ihn zu feiern: den Israel-Gott als Menschheits-Gott, den Mose-Gott
nun auch als Jesus-Gott. Bekommt da nun die Rechte des Herrn einen
Endsieg, und gehören da nun nicht doch auch Pauken und Trompeten
hin? Wir müßten nicht in unseren Tagen leben, wenn wir nun zum
Schluß nicht noch die Frage stellten: Gibt es in der Weltgeschichte
»Sieger«, Endsieger wohl gar, die über alle Fürstentümer und Gewalten
Stand behielten? Wir wissen es nicht. Gerade jetzt erleben wir
wieder: Glück und Glas, wie leicht bricht das! Glück der Parteien,
Regierungen, Staaten, eines Lebensstils. In Sachsen-Anhalt, in
Frankreich, überall erleben wir das ewige Auf und Ab der Kräfte,
der »Namen«, der »Zahlen«, der »Bilder«, im Großen wie im Kleinen,
im Wahn von mörderischen Selbstmördern in Tel Aviv oder in Erfurt,
die meinen, ihnen Widriges endgültig besiegen zu können. Das Lied
des Lammes hat dagegen nur eine schwache Stimme und verklingt,
wie nachher Schuberts Agnus Dei, im allerleisesten. Aber es verliert
seinen Text nicht: Dona nobis pacem - Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, wenigstens zu unseren Zeiten .
Wird Israel, wird Mose »Sieger« in der Weltgeschichte werden?
Wir wissen es nicht. Wir können nur wissen, daß gerade sie, die
Menschen in Israel, wenn sie »siegen« , doch nur die Geretteten
und Überlebenden sind, daß sie und wir alle einen Sieg auch verspielen
können, und daß darum Mirjams und Moses Lied heute nur dann »freudevoller«
klingt, wenn wir dazu und mit ihnen zusammen unser »Agnus Dei«
singen: Lamm Gottes, der du trägst die Sünde der Welt, gib ihnen
und uns deinen Frieden.
Amen. (
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