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Vorwort TuK 93/94 (
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Friedrich-Wilhelm Marquardt ist gestorben - am 25. Mai auf einer
Parkbank in Dahlem, während eines Frühlingsspaziergangs. Am 1.
Juni wurde er auf dem Annenfriedhof in Dahlem beerdigt.
Sein Tod ist vielen aus der gegenwärtigen Redaktion und aus ihrem
Umfeld zu Herzen gegangen. Zu sagen, Friedrich-Wilhelm Marquardt
habe uns durch seine »Theologie nach Auschwitz« oder auch durch
seine Reflexionen der Fraglichkeit von »Theologie nach Auschwitz«
geprägt, geht am Kern der Sache vorbei. Für Marquardt waren jenes
Grunddatum der Moderne und ebenso die andere Tatsache, daß das
Judentum fortbesteht, daß Jüdinnen und Juden überlebt haben, nicht
in erster Linie Gegenstände seines Denkens; er hat sich ihnen
mit seiner theologischen Existenz ausgesetzt: mit ganzem
Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Gemüt, mit all seinen Kräften.
Die protestantische Grenze zwischen Dogmatik und Ethik überschreitend,
maß er unser Denken von Gott daran, in welche Lebensverbindlichkeiten
es führte. Gerade in den irregulären Ausprägungen seiner systematischen
Theologie wurde Friedrich-Wilhelm Marquardt uns zum Lehrer, und
gerade so hat er auch der Zeitschrift TEXTE & KONTEXTE von Anfang
an den Weg gewiesen. Die Widmung des exegetischen Hauptbeitrags
in dieser Nummer versteht sich deshalb als Ausdruck des Dankes
für die Impulse, die wir über die Jahre hin von ihm empfangen
haben. Ohne seine Arbeit hätte der gewidmete Artikel, hätten viele
der in unserer Zeitschrift erschienenen Untersuchungen so nicht
geschrieben werden können.
Es war ein Glück für uns, daß Friedrich-Wilhelm Marquardt TEXTE
& KONTEXTE seinerseits mit regem Interesse begleitete, immer wieder
zum Gespräch bereit war und auch verschiedentlich (zuletzt vor
einem Jahr in Nr. 90) eigene Beiträge zur Verfügung stellte. Noch
einmal veröffentlichen wir jetzt zwei seiner Texte: zunächst seine
Predigt vom Sonntag Kantate (28.4.) und dann die zugehörige Liturgie,
in deren Verlauf er die Gemeinde mitnimmt auf eine Entdeckungsreise
durch die G-Dur-Messe von Franz Schubert. Es ist dies der letzte
Gottesdienst, den Friedrich-Wilhelm Marquardt gehalten hat. tihje
nafscho zrura bi-zror ha-chajim.
Auch wenn es schwerfällt, kehren wir zum Alltagsgeschäft zurück
und fahren fort mit dem, was noch vor zwei Wochen als Beginn des
Vorworts gedacht war: Philosemitismus, man kann es wohl nicht
zu oft sagen, ist keine gute Sache: erstens, weil Illusionen immer
bedenklich sind, und zweitens, weil eine realitätsferne Verklärung
Israels mitunter recht schnell in eine massive Judenfeindschaft
umschlägt. Auch wenn dieser Mechanismus längst bekannt ist, schmerzt
es doch, ihn gerade wieder einmal beobachten zu können. Nur zwei
Impressionen:
In Nordelbien stößt die Wanderausstellung »Kirche, Christen,
Juden in Nordelbien 1933-45« innerhalb der Kerngemeinden derzeit
immer wieder auf Ablehnung. Tenor: »Ich habe im Moment Schwierigkeiten
mit der Ausstellung, wenn ich sehe, was der Staat Israel mit den
Palästinensern macht«. - Die »Gesellschaft für christlich-jüdische
Zusammenarbeit Göttingen« zitiert in ihrem Rundbrief vom März
aus zwei Austrittserklärungen, die ihr zugegangen sind: »Hiermit
kündige ich meine Mitgliedschaft. Grund: das Verhalten Scharons!«
Und: »Meine Kündigung richtet sich nicht gegen Ihre Arbeit, sondern
will verdeutlichen, dass angesichts der israelischen Rambo-Politik
das jüdische Volk seinen Anspruch auf Anerkennung des Opfer-Status
verloren hat.«
Chaim Rozwaski, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin, hat mittlerweile
in einem Offenen Brief mitgeteilt, da er im April zweimal auf
der Straße als Jude angepöbelt und beschimpft worden sei und da
er auch von tätlichen Angriffen auf andere Juden wisse, »meide
er nun bestimmte Stadtteile und benutze in den Abendstunden keine
öffentlichen Verkehrsmittel mehr« (Referat des »Tagesspiegels«
vom 8./9. Mai, S. 12). In Berlin begibt sich gegenwärtig bereits
in Gefahr, wer mit einem Davidsstern um den Hals U-Bahn fährt.
Was also tun in einer Zeit, in der die Judenfeindschaft in Deutschland
wieder handgreifliche Formen annimmt? Wie läßt sich Stellung beziehen
in einem allgegenwärtigen Diskurs, der die beiden Themen »Antisemitismus«
und »militärischer Konflikt in Israel und Palästina« ebenso verwirrend
wie unlösbar miteinander verbunden hat? Wo kann zum Ausdruck gebracht
werden, daß man gegen Antisemitismus ist (ob nun deutscher
oder palästinensischer Spielart) - und zugleich für den
Rückzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen und der Westbank?
Für die Existenz des Staates Israel, gegen eine
Fortsetzung seiner gegenwärtigen Militärpolitik (die nämlich keineswegs
zu einer Beseitigung der »Infrastruktur des Terrors« führt, sondern
im Gegenteil deren weiteren Ausbau bedeutet)?
An Aktionsmöglichkeiten mangelt es in Berlin auch in Zeiten der
Ratlosigkeit bekanntlich nur selten. Um dem Antisemitismus entgegenzutreten,
bot sich am 14. April eine Demonstration »Solidarität mit Israel«
an, die von einem Bündnis linker Gruppen organisiert worden war
- und dann wesentlich Scharon-freundlicher ausfiel, als es die
Veranstaltenden wohl beabsichtigt hatten. Zwei Frauen mit einem
Plakat »Shalom, not Sharon« werden schnell aus dem Demonstrationszug
herausgedrängt. Eine solche Losung ist entschieden nicht erwünscht.
- Wer zu Scharon dennoch nicht schweigen wollte, tat darum gut
daran, bereits am Vortag auf die Straße zu gehen: unter dem Motto
»Palästina muß leben«. Hier - Seite an Seite mit Hamas und den
deutschen Rechtsextremen - gab es tatsächlich einen kleinen Frieden-Jetzt-Block.
Es war eine bizarre, ja gespenstische Konstellation.
In den Spiegelungen bringen wir einige Stimmen zu Gehör,
die sich den gegen-wärtigen Trends in unterschiedlicher Weise
entgegenstellen. Speziell die beiden letzten Texte sind nicht
unbedingt repräsentativ, trotzdem verdienen die dort vor-getragenen
Anliegen Beachtung.
Der exegetische Hauptbeitrag, Zwischen Juden und Heiden. Die
Rettungstaten Jesu im Mk-Ev, beschäftigt sich mit einer historischen
Situation, die nicht einfach als Projektionsfläche für Probleme
der Gegenwart genommen werden sollte. Wie es aber aussieht, verweist
das Ergebnis der Textanalyse auf eine Invariante in der Geschichte
Israels: »Das Problem, unter dem Israel [zur Zeit des Markus]
litt, war international. Es ließ sich nur weltweit lösen - oder
gar nicht. M.a.W.: Das Konzept ›Gerechtigkeit, Frieden und Schutz
für Israel‹ muß scheitern, wenn es nicht mit dem Konzept ›Gerechtigkeit,
Frieden und Schutz weltweit‹ verbunden wird. Darum muß, wer für
Israel hofft, auf Internationalismus setzen. Es ist die einzige
Chance.«
Für Ihre Redaktion, im Juni 2002, Andreas Bedenbender (
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