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Wo wir mit dieser Zeitschrift stehen
Die Nummer 100 ist erreicht; Texte &
Kontexte blickt auf mehr als ein Vierteljahrhundert regelmäßigen
Erscheinens zurück. Die Zahl der Abonnements hat sich momentan bei
rund 600 stabilisiert, sie liegt damit etwa so hoch wie 1978.
(Zwischendurch war sie auch schon einmal auf 850 angewachsen; aber das
nun bereits viele Jahre her.) Über fast eine Generation hin von nicht
ganz wenigen Menschen in solcher Treue gelesen - oder, vorsichtiger
ausgedrückt: mit solcher Treue abonniert - zu werden, ist keine
Selbstverständlichkeit, bedenkt man die inhaltliche Ausrichtung der
Zeitschrift, ihre puristische Scheu vor graphischen Auflockerungen
aller Art und die fast schon evangelische Freiheit, die - zumindest in
den Anfangsjahren - den Umgang mit dem Regelwerk der deutschen Sprache
bestimmte. Immer noch trägt sich die Zeitschrift ökonomisch - und
zwar bei einem nach wie vor doch sehr moderaten Preis -, immer noch
wird sie in der akademischen Welt allenfalls am Rande wahrgenommen.
»Sitz im Leben« von Texte & Kontexte sind Predigt,
Schulunterricht, Bibelkreis. Es steht zu vermuten, daß hier
geschätzt wird, was andernorts als unwissenschaftlich gilt: die
Orientierung an einer doppelten »Kontextualität«.
Zum einen nämlich werden die biblischen Schriften
in Texte & Kontexte (wie zuzugeben ist, mit einem von
Artikel zu Artikel schwankendem Maß an Konsequenz) im Lichte dessen
verstanden, was wir über die politischen, sozialen und ökonomischen
Umstände ihrer Entstehung glauben annehmen zu können. Schon dieses
Vorgehen ist oft genug - und von den verschiedensten Seiten her -
angreifbar. Aber gerade in der Exegese gilt: Wer nicht wagt, der nicht
gewinnt; und erfahrungsgemäß sind jene Auslegungen, die
Phantasielosigkeit für ein Kennzeichen von Seriosität halten und die
nur »gesicherte Fakten« gelten lassen wollen, am deutlichsten mit
Sterilität gestraft.
Zum anderen bemühen sich die in Texte &
Kontexte erscheinenden Arbeiten darum (wieder: in je
unterschiedlichem Maße), auch den Kontext der Auslegenden zu seinem
Recht kommen zu lassen. Natürlich erfolgen Bibelauslegungen immer
im Kontext der jeweiligen Gegenwart. (Wie Ton Veerkamp einmal
anmerkte, läßt sich anhand des Johanneskommentars von Rudolf
Bultmann - erschienen im Jahr 1941 - auch studieren, was damals
»innere Emigration« bedeutete; und eine solche Lektüre ist weder
abseitig, noch sind ihre Resultate belanglos.) Kennzeichnend für die
in Texte & Kontexte erscheinenden Aufsätze (und für einer
Reihe vergleichbarer Schriften) ist darum schlicht das Bemühen, diese
Relation auch offenzulegen, also im Verbund mit der Arbeit am
Text darüber Rechenschaft zu geben, wie in der Gegenwart, wie in
heutigen Auseinandersetzungen und Kämpfen Stellung bezogen wird.
Ziel des hier gewählten Verfahrens ist es nun
gerade nicht, erst aktuelle Probleme in den Text hineinzulesen und
dann die zugehörige Lösung, die man gerne hätte, dort spektakulär
hervorzuzaubern. In vielen Fällen sind die Verhältnisse damals und
die Verhältnisse heute im Letzten eben nicht miteinander zu
vergleichen; darum scheint die Bibel, wird sie mit heutigen Problemen
konfrontiert, oft genug das zu sagen, was der lukanische Jesus auf die
Bitte »Sage meinem Bruder, daß er mit mir das Erbe teile«
antwortet: »Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über
euch gesetzt?« (Lk 12,13f.) Einfach ausgedrückt: Es ist ein Irrtum
zu glauben, Jesus wolle überhaupt mit allen Sorgen der
Menschheit behelligt werden. Weder Jesus noch die Bibel haben im Sinn,
den Menschen die Verantwortung für ihr Leben abzunehmen. Darum ist es
nicht nur Gebot intellektueller Redlichkeit, die Fremdheit der Texte
zu akzeptieren und von einer unbefangenen Verwertung (»spiritueller«
oder moralisch-fundamentalistischer Natur) Abstand zu nehmen, es ist
auch notwendige Konsequenz eines mündigen Umgangs mit der
Schrift.
Aber selbst unter der genannten hermeneutischen
Voraussetzung funktioniert Bibelexegese immer noch interessegeleitet;
und so ist es kein Zufall, wer sich in welcher Situation mit was für
Texten beschäftigt. Daß das »Ausbleiben des Messias« (bei der
Zerstörung Jerusalems) bzw. der »Abschied vom Messias« (und damit
verbunden: von der Hoffnung auf ein »höheres Wesen«, das Rettung
bringt) in Texte & Kontexte über die 26 Jahre hin immer
wieder, und dann oft in erheblichem Umfang, thematisiert wurde, hängt
nicht unerheblich mit der Epoche zusammen, in der diese ersten 100
Nummern erschienen sind. 1978, im Gründungsjahr der Zeitschrift,
siegte die islamische Revolution im Iran; 1979 siegten die Sandinisten
in Nicaragua, und am Ende des Jahres marschierte die Sowjetunion in
Afghanistan ein, weil sie von den dort im Aufwind befindlichen (und
bald schon von der CIA hochgerüsteten) islamischen Fundamentalisten
Übles befürchtete. - Der sandinistische Erfolg war das letzte
Ereignis dieser Art in den Ländern des Südens, und die SU verhob
sich in Afghanistan militärisch wie ökonomisch dermaßen, daß sie
wenig mehr als ein Jahrzehnt später selber schon Geschichte war. Von
den drei ernstzunehmenden Kräften, denen sich der Kapitalismus Ende
der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts gegenübersah, »realexistierender
Sozialismus«, Befreiungsbewegungen, islamischer Fundamentalismus, hat
es ausgerechnet diese dritte Größe bis ins neue Jahrtausend
geschafft; und sie trifft dort auf einen (weltweit gleichfalls stark
zunehmenden) christlichen Fundamentalismus, der zwar anders, aber kaum
sympathischer ist. Kein Messias. Nirgends.
Neben dem Kontext »Kapitalismus« war von jeher
auch die zeitliche Verortung »nach Auschwitz« konstitutiv für die
Arbeit von Texte & Kontexte: eingedenk der deutschen und
der christlichen Schuld gegenüber dem Judentum. Auch hier gibt es
momentan wenig Grund zur Zuversicht. Der politische Diskurs zum Thema
Schoa wird momentan von einer beängstigenden Mischung aus
Geschichtsvergessenheit und Vorwärtsdrang bestimmt:
1. Da stellt das Kuratorium der Stiftung Denkmal
für die ermordeten Juden Europas - seine so medienwirksam
agierende zweite Vorsitzende an der Spitze - voller Überraschung,
dann aber auch gleich voller Betroffenheit fest: Anscheinend gibt es
einen Zusammenhang nicht nur zwischen der Schoa und der damaligen
deutschen Industrie, sondern verwirrenderweise auch noch zwischen der
damaligen deutschen Industrie und der heutigen deutschen Industrie;
d.h., die Entsprechungen bei den Firmennamen sind keineswegs (wie man
doch hätte annehmen sollen) bloß ein kurioser Zufall. (Ungefähr
zeitgleich erklärt sich die IG Farben, die ja - mit ihren Aktien und
ihren Aktionärsversammlungen - auch immer noch existiert, fröhlich
für zahlungsunfähig. Aber das gilt offiziell eben als ärgerliches
Kuriosum, nicht als bezeichnendes Symptom.)
2. Da wird dem MdB Hohmann, mit einiger
Verspätung, von allen Seiten eine Rede um die Ohren geschlagen, in
der Hohmann nicht etwa dargelegt hat (wie häufig zu Unrecht
kolportiert wird), die Juden seien ein »Tätervolk«. Vielmehr hat
Hohmann ausgeführt: In der Vergangenheit hätten viele Juden durch
ihr Engagement für den Kommunismus viel auf ihr Gewissen geladen;
vier von sieben Mitgliedern des Politbüros von 1917 seien Juden
gewesen, etc., etc. Trotzdem seien die Juden insgesamt kein
»Tätervolk«; und darum seien die Deutschen es, gottlob, auch nicht.
- Nun sind sich die meisten Kritiker der Rede mit Hohmann darin einig,
daß die Deutschen kein Tätervolk sind - was also werfen sie ihm vor?
Sie sagen nicht etwa: »Lieber Freund Hohmann, du hast unserer
gemeinsamen deutschen Sache eine Bärendienst erwiesen. Dein Schluß
funktioniert nämlich nicht: Die an der Oktoberrevolution beteiligten
Juden handelten in eigenem Auftrag und ohne eine wie auch immer
geartete Rückendeckung durch das jüdische Volk insgesamt. Hitler
hingegen wurde im März 1933 durch eine Reichstagswahl an die Spitze
einer Koalitionsregierung gebracht, und auch später noch wurden seine
Taten in ganz erheblichem Maße von den Deutschen bejubelt - während
die Befreiung im Mai 1945 von vielen als ›Zusammenbruch‹ empfunden
wurde. Die Vorstellung von ›Hitlers willigen Vollstreckern‹ ist
durch den von dir gewählten Vergleich gerade nicht aus der Welt
geräumt.«
Dies also sagen sie nicht. Statt dessen erklären
sie es für »infam«, bei den erwähnten Politbüromitgliedern auf
ihre jüdische Herkunft zu verweisen: Hier zeige sich der Ungeist des
von Hohmann als Gewährsmann angeführten Antisemiten Henry Ford. (Von
dessen »Visionen« ist zur Zeit ja regelmäßig im Werbefernsehen zu
hören, da der Name »Ford« hierzulande anscheinend noch den gleichen
guten Klang hat wie vor 60 oder 70 Jahren, aber das nur nebenbei.) Und
im übrigen, so wird Hohmann in einem sonderbaren »Jargon der
Eigentlichkeit« weiter entgegengehalten, seien die Betreffenden doch
nicht »als Juden« im Politbüro gewesen. - Aber was soll das alles?
Der Rückgriff auf Ford verrät vielleicht einiges über den Inhalt
von Hohmanns Bücherregal(en?), aber daß 1917 vier von sieben
Mitgliedern des Politbüros Juden waren, steht explizit auch im -
höchst lesenswerten - Artikel »Communism« der Encyclopedia Judaica,
und zwar zur Illustration des Satzes: »During the Revolution Jews
played a prominent part in the party organs«. Wer sich ein wenig
umsieht, kann leicht in Erfahrung bringen, was die vier im Politbüro
taten, und ebenso, was aus ihnen wurde: Stalin ließ zwei von ihnen,
Sinowjew und Kamenew, nach einem Schauprozeß hinrichten, der dritte,
Sokolnikow, zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt, starb im Gefängnis.
Trotzki schließlich, der vierte, wurde auf Stalins Geheiß 1940 in
Mexiko ermordet. Doch warum sich mit Details beschweren, wenn man sich
von dem peinlichen Thema auch sofort abwenden kann? Die Mitgliedschaft
im Politbüro der KPdSU muß in etwa so verwerflich sein wie die
Teilnahme an der Wannsee-Konferenz: das denkt Hohmann (der sonst wenig
Grund gehabt hätte, dieses Argument zu wählen), und das denken all
jene, die sich über Hohmanns »Infamie« erregen. Der mit solcher
Emphase gegen Hohmann gerichtete Vorwurf eines dumpfen Antisemitismus
kann nicht verdecken, daß es eine höchst stabile gemeinsame
Geschäftsgrundlage mit ihm gibt: einen nicht minder dumpfen
Antikommunismus.
3. Mit seinen Gedanken steht Hohmann nicht am
Rande, sondern in der Mitte - mitten in der CDU und mitten in der
deutschen Gesellschaft. Er darf nur deshalb nicht aussprechen, was so
viele denken, weil man um das deutsche Ansehen im Ausland fürchtet.
Als ein deutscher Brigadegeneral sich als Hohmann-Sympathisant zu
erkennen gab und er daraufhin stante pede vom Verteidigungsminister
Struck entlassen wurde, lautete dessen Begründung nicht etwa: Es sei
ihm unmöglich, mit einem General, der so Abscheuliches denke, auch
nur einen Tag länger vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Nein, als
Grund wurde angegeben: Es geht darum, das deutsche Ansehen im Ausland
vor Schaden zu bewahren.
4. Von Joachim Gauck, prominenter Ex-Behördenchef
und daneben auch evangelischer Pfarrer, hören wir folgenden Satz, mit
dem er sich trotz aller Kritik aus Osteuropa für ein deutsches
»Zentrum gegen Vertreibung« ausspricht:
»Jetzt, wo wir unsere Hausaufgaben gemacht haben
und wo wir - anders als alle anderen Nationen, die Schuld
aufzuarbeiten haben - fast neurotisch auf der Größe unserer Schuld
beharren, da muss es erlaubt sein, dass wir daran denken können, dass
nicht alle Täter waren.«
Andere Nationen, nein: alle anderen Nationen
mögen noch Schuld aufzuarbeiten haben; wir hingegen haben unsere
Hausaufgaben gemacht; anscheinend sogar - nach Strebermanier - im
Übermaß (»fast neurotisch«). So sieht das auch Egon Bahr, nur daß
er, statt ein Übermaß zu beklagen, sich an deutscher Noblesse
erfreut:
»Für das großartige [sic!] und dennoch
unzureichende Werk der Wiedergutmachung gibt es eine zeitliche
Begrenzung. Unbegrenzt bleibt die volle Verfolgung individueller
Verbrechen. Das Volk amnestiert sich selbst, um zu gesunden. Das
erlaubt nicht, die Vergangenheit zu vergessen. … Aber wir sollten
uns wehren gegen alle Verführer, die uns nahelegen oder gar moralisch
dazu verpflichten wollen, die Zukunft durch unsere Vergangenheit zu
bestimmen. Es wäre gleichbedeutend mit einer zeitlich unbegrenzten
permanenten Verurteilung für untilgbare deutsche Schuld. Das wäre
unerträglich«.
Von welchen Verführern spricht Egon Bahr, welche
Verführungen hat er vor Augen? Und worauf sollen wir uns, seiner
Meinung nach, nun einstellen? Auf eine deutsche UN-Friedenstruppe auf
den Golanhöhen? Oder auf noch mehr deutsche Waffenlieferungen in die
arabische Welt? (Beides gleichzeitig ginge natürlich auch, wäre aber
wohl nicht im Interesse des deutschen Soldaten.)
Unter dem Vorzeichen des gegenwärtigen politischen
Klimas, für das die gerade angeführten Äußerungen in ihrer
Gesamtheit typisch sein dürften, mag es nur eine Frage der Zeit sein,
bis auch in den deutschen Kirchen das Ruder in der Israelfrage
herumgeworfen wird, bis sich auch die Kirche »selbst amnestiert, um
zu gesunden«. Daß der Gedanke einer gezielten Judenmission
hierzulande wieder Auftrieb gewinnt, ist weniger deshalb bedauerlich,
weil davon eine reale Gefahr für das Judentum ausginge. Sorgen muß
man sich eher um die Kirchen selbst machen, denn was sich in solchen
Gedankenfiguren manifestiert, ist eine tiefsitzende Unbußfertigkeit.
100 Nummern Texte & Kontexte - das ist
keine Erfolgsmeldung, kein Teil einer Erfolgsgeschichte. Um die Welt,
um die Kirche und um die Exegese steht es, auf ganze gesehen, gewiß
nicht besser als 1978. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich
daran in absehbarer Zeit nur wenig ändern. Wenn es ein Gebot der
Stunde gibt, so heißt es am ehesten: durchhalten, auch in dürftiger
Zeit. Die Anlässe zur Ermutigung sind spärlich gesät; um so
wichtiger sind die, die doch noch zu entdecken sind: daß es da und
dort andere gibt, denen es ähnlich geht, solche, die sich nicht
abfinden wollen mit dem Recht des Stärkeren, die sich der - oft als
Friedensschluß getarnten - Kapitulation vor dem Bestehenden
verweigern, die immer wieder dem Kleinglauben ins Wort fallen (auch
dem eigenen) und sich doch zugleich in Illusionslosigkeit einüben.
Und ebenso kann es ermutigen, bisweilen auf die Stimmen jener zu
stoßen, die nicht mehr am Leben sind, denen es aber zu ihrer Zeit
ähnlich ging. Sie bedeuten Zuspruch, aber auch Anspruch - erinnern
sie doch daran, daß, was gegenwärtig auf dem Spiel steht, nicht
bloß die Welt von heute mit ihren mittlerweile gut sechs Milliarden
Menschen ist: es ist die gesamte Geschichte der menschlichen Gattung,
die immer noch der Erlösung harrt. Manche dieser Stimmen lassen sich
in Büchern finden; so auch in der Hebräischen Bibel und in den
Schriften des Neuen Testaments. Die Lektüre dieser Texte kann darum
einweisen in eine »Ästhetik des Widerstands«. Sie kann ermutigen,
herausfordern, anleiten, bedrängen, verwirren; und immer wieder geben
die Texte denen, die sie lesen, das Gefühl, dem dort angesprochenen
gar nicht gewachsen zu sein. Zu allem Überfluß sind die Texte dann
auch noch penetrant: Will man sie beiseitelegen, weil sie zu
überfordern scheinen, dann sprechen sie von Ausrede und lassen das
nicht gelten. Und da uns also ohnehin nichts anderes übrigbleibt,
machen wir eben weiter.
Zum vorliegenden Heft. Auch mit der 100. Nummer
stehen wir hinsichtlich des Studium der Bibel noch ganz am Anfang;
darum ist es wohl nur konsequent, dieses Heft den »Anfängen« in der
Bibel zu widmen: der sogenannten biblischen Urgeschichte und den
Traditionen um sie herum. Oft genug werden die beiden
Schöpfungsberichte in Genesis 1 und 2 einander so gegenübergestellt,
daß in dem zweiten Bericht (die Welt als Garten, Gott als Töpfer)
eine naive Schlichtheit erkannt wird, die sich so reizvoll abhebt von
der die Genesis einleitenden Darstellung - die dafür aber ihrerseits
theologisch vorangeschritten ist und schon erfreulich vergeistigt
wirkt. (Schöpfung durch das Wort!) Der erste Beitrag des Heftes, von Manfred
Hilke, legt es nahe, einer solchen Sicht den Abschied zu geben.
Indem er die biblischen Aussagen über Gott - über sein Sehen, sein
Sprechen und sein Handeln - und über die sich gerade in der
Leiblichkeit manifestierende Gottesebenbildlichkeit des Menschen mit
dem leibfeindlichen Gottesbild in der griechischen Philosophie
kontrastiert, legt er die Problematik von abstrahierender
»Vergeistigung« dar: Sie korreliert signifikant mit Entfremdung und
mit der Herrschaft von Menschen über Menschen. Brigitte Kahl
zeigt am Beispiel des Sethitenstammbaums (Genesis 4) exemplarisch,
inwiefern die vermeintlich so trockenen Genealogien der Bibel
integraler Bestandteil der Erzählung sein können. Der dritte, von
mir verfaßte Beitrag schließlich entführt in die Welt des
Frühjudentums, in der sich unterschiedliche Gruppierungen mit Hilfe
von verwirrend vielgestaltigen Urzeitgenealogien die Welt erklärten
und dabei teils gegeneinander polemisierten, teils auch ideologische
Bündnisse schmiedeten.
Für Ihre Redaktion, im Dezember 2003 Andreas Bedenbender
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